Paläste für's Volk - Moskau für Metroisten
   

Metro Komsomolskaja
 
  Vergessen Sie die U-Bahnen in Paris, Berlin oder New York. Die Metro in Moskau ist nicht nur Verkehrsmittel, sondern auch eine atemberaubende Sehenswürdigkeit. Wenn etwas in in dieser Stadt funktioniert, dann ist es zweifelsfrei die Metro der Metropole. Für umgerechnet dreißig Cent kann man erleben, wie es in Moskaus Unterwelt zugeht. Kaufen Sie sich eine Einzel- oder Mehrfachfahrkarte mit Magnetstreifen an der "Kassa" und schon kann sie losgehen, die Reise mit der schnellsten Metro der Welt. Lassen Sie sich beim harten Kampf um den Sitzplatz nicht von den anderen 9-12 Millionen Metroisten zerquetschen, die jeden Tag die Metro benutzen. Aber machen Sie Platz für Alte und Kinder.
Ewiglange Rolltreppen, teilweise bis zu 100 Meter, schaufeln die Menschenmassen zur Plattform. Auf den Treppen gilt das Prinzip: Links gehen und rechts stehen. Bleiben Sie stehen - auf der Gegenseite fahren Ihnen tausende interessante Gesichter entgegen und vermitteln ihnen, dass Moskau absolut multi-kulti ist. Keine Bange: Jeder kommt mit, denn die Züge fahren in Spitzenzeiten im 50-Sekunden-Takt. Übrigens: Graffitis (Spray ist zu teuer) oder die Sportart "U-Bahn-Surfen" (Türen lassen sich nicht öffnen) findet man kaum hier. Die Kids haben dafür andere Späße auf Lager. Rechts und links der Rolltreppen befinden sich glatte Metallschienen. Auf diesen lassen die Rabauken Geldstücke hinunter in die Tiefe sausen. Mit einem melodischen "Pling" und rasender Geschwindigkeit knallt die Münze dann gegen das Kabuff der Treppenwärterin, die die Gören dann mit finsteren Blicken straft. Für Sprayer und Surfer gibt es wirkungsvolle Strafen. Und das sind keine Blicke ...  
  Die meisten Metrobenutzer, für die dieses Verkehrsmittel unverzichtbar ist, weil sie täglich von den Wohnsiedlungen am Stadtrand zur Arbeit fahren müssen, haben für die Schönheiten der Metro nicht eine Sekunde Zeit. Moskowiter können fast blind das endlose Labyrinth benutzen - Touris werden möglicherweise Probleme haben, denn das gesamte Leitsystem ist ausschließlich mit kyrillischen Buchstaben angelegt. Damit Sie nicht mit dem Menschenstrom mitgerissen werden, empfiehlt sich eine Erkundungstour außerhalb der Rush-Hour. Obwohl: Gerade zu erleben, wie es in Stoßzeiten dort unten zugeht, den Weg der Moskowiter in das Alltagsleben wahrzunehmen, birgt einen gewissen Reiz. Die in jedem Wagon treibenden Wodkawolken und Ausdünstungen gehören ebenso dazu, wie bettelnde Gypsy-Kids oder Ahghanistan-Versehrte und das gnadenlose Drängeln beim Aus- und Einsteigen. Alles ist in Bewegung - kein Stillstand. Der Langsame ist chancenlos - bis auf eine Einschränkung: Alten Menschen, schwangeren Frauen und Müttern mit Kindern wird immer ein Sitzplatz angeboten - und zwar unaufgefordert!


Metro - Verbindungsgang

 
  Schon 1931 hat das Zentralkommitee der KPdSU beschlossen, in den Untergrund zu gehen. Knapp vier Jahre später war es dann soweit: Im Mai 1935 wurde die erste Linie, von Sokolniki bis Park Kultury, fertiggestellt. Teilweise arbeiteten mehr als 70.000 Menschen aus allen Landesteilen gleichzeitig auf den Baustellen.
Die Station Komsomolskaja dürfte wohl am meisten von Moskowitern benutzt werden, denn über dem Underground befinden sich drei große Bahnhöfe mit Verbindungen nach St. Petersburg, Jaroslawl und Taschkent. Wie stark eine Station frequentiert wird, erkennt man ganz einfach an den abgewetzten Treppenstufen. Die Mosaike an Decken und Wänden dokumentieren Stationen der russischen Geschichte - von der tiefen Vergangenheit im 12. Jahrhundert bis Mai 1945. Beeindruckende Stuckarbeiten und riesige Kronleuchter verleihen dieser Station Palast-Charakter. In den Verbindungsgängen zwischen den Stationen herrscht geschäftiges Treiben. Hier trifft man ein buntes Völkchen: Musikanten, denen keiner zuhört, weil jeder in Eile ist, und Babuschkas, die versuchen, ein junges Kätzchen oder einen Metroplan an den Mann zu bringen.
Aber auch die U-Bahn Station Majakowskaja, die 1938 gebaut wurde, ist eine Sehenswürdigkeit für sich. In New York erhielt dieser Bahnhof sogar den Architektur-Grand-Prix. An der Decke sind 36 Mosaike angebracht, welche die sowjetischen Errungenschaften der Luftfahrt darstellen. Im zweiten Weltkrieg boten die endlosen Metroschächte den Moskowitern Schutz vor Fliegerangriffen. Und weil die Deutschen vor Moskaus Haustür standen, fanden 1942 sogar die Revolutionsfeierlichkeiten in der Metrostation Majakowskaja statt.

Der U-Bahnhof Nowoslobodskaja (1952) ist besonders beeindruckend, weil mehr als 30 Buntglasfenster auf den Gängen montiert wurden. Die Kunstwerke sind von der Rückseite beleuchtet und hüllen diese Station in angenehmes Licht. Pompös und überladen wirkt dagegen die Station Kiewskaja. Auf riesigen, filigranen Wandmosaiken wird der "ewigen Freundschaft zwischen der Ukraine und Russland" gehuldigt. Ist ja wieder sehr aktuell! Qualitätsurteil: Unbedingt ansehen!

Parallel zur eigentlichen Metro, so munkeln Moskowiter, soll sich ein zweites Schachtsystem befinden. Dieses Labyrinth diente wohl der Polit-Prominenz dazu, eine schnelle Evakuierung der Nomenklatura in Notfällen durchzuführen und die Versorgung zu sichern. Zwischen Kreml und den wichtigsten Behörden vermutet man Zugänge zu diesem System. Den Nachweis zu führen, dürfte schwierig sein: Der KGB hat alle Pläne vernichtet. Diejenigen, die es ganz sicher wissen, sagen nichts.

 
  Als schier unmöglich erweist sich, die schönste Metro der Welt mit ihren mehr als 276 km Schienennetz und ca. 170 Stationen auf eine HTML-Seite zu packen ;-) Nur noch soviel: Für die Reise durch die Geschichte sollten Sie mindestens 3-4 Stunden in ihr Programm einplanen und folgende Stationen abklappern: Komsomolskaja, Kiewskaja, Majakowskaja, Revolutionsplatz, Puschkinskaja, Nowoslobodskaja, Kropotkinskaja.

Wenn Sie jetzt noch nicht genug haben von Anekdötchen rund um den Untergrund und außerdem noch eingefleischter Metro-Fan sind, dann wühlen Sie durch die Unterwelt bis zum: Museum zur Geschichte der Metro, Metrostation Sportiwnaja, Di-Fr 9-16 h, Mo 11-18 h.




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